Cherophobie

Angst vor Glück aufgeben

Was steckt wirklich hinter der vermeintlichen Angst vor dem Glück?

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Die Angst vor dem Glück: für die meisten Menschen ein bizarres Konzept, im Gehirn eine eigene Logik

Wenn jemand erwähnt, dass er Angst davor hat, glücklich zu sein, wäre die natürliche Reaktion Verwirrung und Ungläubigkeit. Wie kann man Furcht vor dem Guten haben? Das ist doch Unsinn. In diesem Artikel erfahren Sie mehr über die verdeckten Zusammenhänge, die bei einer Cherophobie eine Rolle spielen

Irgendwann kommen Fragen: Ist die Angst vor Glück etwa ein Hinweis darauf, dass die betroffenen Personen „einfach“ an Depressionen leiden? Das mag zu einem bestimmten Zeitpunkt dazu beigetragen haben oder könnte auch heute noch dazu beitragen; es gibt jedoch auch andere mögliche Erklärungen. Das Internet und die Psychologie-Fachliteratur sind voll von Erklärungsversuchen zur Cherophobie. Diese kann von der teilweisen Unfähigkeit herrühren, Emotionen richtig zu regulieren oder sogar von Unwissenheit darüber, was es überhaupt bedeutet, glücklich zu sein.

Einige Erklärungsversuche gehen in die Richtung, dass manche Menschen nicht begreifen können, wie andere Personen Freude finden können, wenn das Leben für einen selbst schwierig und schmerzhaft war. Oft sind solche Theorien mit der Idee von Verbitterung verbunden. Andere „schaffen“ es mit dem Glück. Warum nicht auch ich?

Vorbehalte und Angstgefühle im Zusammenhang mit Wohlergehen und Glück sind seltsame, aber verständliche Reaktionen

Angst vor dem Glück – dieser Begriff ist schon eine massive Intervention.

Der Begriff unterstellt den betroffenen Personen, sie wären nicht mutig genug, das Glück, den Wohlstand und gute Beziehungen zu erhalten.

Wer sich die Geschichte von depressiven Menschen ansieht, erkennt häufig schwerwiegende Ereignisse. Es müssen keine nach außen dramatisch wirkenden Dinge sein.

Bereits verbale Abwertungen reichen aus, um einen Menschen fertig zu machen.

Auch subtile Dauerkritik ist hier schon genug.

Kinder reagieren besonders ungünstig auf fortgesetzte Grenzenlosigkeit und negative Aussagen über sie:

Kinder sind auf Gedeih und Verderb den Erwachsenen ausgeliefert.

Auch in einer katastrophalen Eltern-Kind-Beziehung sucht das Kind somit zur Lebenserhaltung einen guten Draht zu der Person, von der es umsorgt wird.

Intuitiv spürt das Kind, dass es loyal und kooperativ sein muss, um überleben zu können. Erwachsene zeigen das Phänomen der paradoxen Loyalität ebenfalls. Der Begriff Stockholm-Syndrom umschreibt die Bereitschaft von Menschen, sich sogar gegenüber Entführern und Peinigern, Verbrechern also, loyal zu zeigen.

Es dient stets dem Überleben. Wenn die Peiniger überleben, lassen sie im günstige Fall die Gepeinigten am Leben.

 

Die vermeintliche Angst vor Glück ist eine seelische Schutzfunktion

Menschen, die dem Glück nicht über den Weg trauen, haben häufig schwere Enttäuschungen erlebt. Sie sind daran gewöhnt, dass ihnen die schönen Dinge weggenommen werden oder die versprochene Zuneigung gar nicht erst zuteil wird.

 

Cherophobie ist ein Zeichen für eine komplexe Fehlbewertung

Wer eingehend mit cherophobisch definierten Menschen spricht, findet ein bedrückendes Phänomen:

Diese Personen leben in einer fatalen Überzeugung.

Sie sind so gepolt, sie wären es nicht wert, dass es ihnen gut ergeht. Das ist keine Frage einer Meinung von sich, es ist tief im Unbewussten verankert. Mehr noch: Es kommt nicht einmal zu der Frage, ob das überhaupt angemessen wäre. Das psychosomatische Körperbewusstsein interagiert komplex mit dem Menschen, lässt ihn reflexartig Gefühle fühlen, destruktive Handlungen ausführen: bis im Sinne der Homöostase der alte, stabile Zustand wiederhergestellt ist.

Wohlergehen würden die anderen verdienen, sie aber nicht. Das ist die innere Basis, auf der gefühlt, erwartet und gehandelt wird.

Wie kommen Menschen zu so einer traurigen Überzeugung von sich selbst?

Erste Erklärung: Sicherheit

Sehen wir uns in der Welt eines Kindes um, besonders eines Kleinkindes.

Wenn ein kleines Kind Gewalt, Ausgrenzung, Abwertung und Demütigungen vom eigenen Vater oder der Mutter erfährt, kann es sich nicht wehren. Jeder Versuch, sich nach außen abzugrenzen, würde die Gewalt noch steigern.

Die einzig denkbare Abgrenzung ist somit die Abgrenzung gegenüber sich selbst.

Der junge Mensch erlebt viele Unwägbarkeiten und hohe Risiken, zumal dann, wenn im Elternhaus Alkohol eine Rolle spielt. Die einzige Sicherheit ist: Besser wird es nicht. Es ist eine traurige Gewissheit, aber sie ist nicht mit neuen Risiken verbunden. Zu den höchsten Risiken würde die kurzzeitige Hoffnung zählen, aus dem Tal der Tränen und Schmerzen entrinnen zu können: um im nächsten Moment erkennen zu müssen, dass es leider nur ein Traum war.

Da ist die stabile Überzeugung, in einer von Schmerz und Gewalt dominierten Umgebung zu leben und zu bleiben, im Moment das geringste aller denkbaren Übel.

Weil ein Kind eben nicht die Wahl hat, die Eltern zu verlassen.

Zweite Erklärung: selbstbezüglicher Hass als Ersatz für Abwehr der Eltern

In destruktive Eltern-Kind-Beziehungen müssen die Kinder für vieles herhalten, was die Erwachsenen verpasst haben oder wofür sie ein Alibi suchen, einen der es noch schlechter macht als sie.

Gedemütigte, geschlagene und abgewertete Kinder können ihre Eltern nicht anklagen. Die Eltern sind Beschützer, Ernährer und – Autoritäten. Weil sie Autoritäten sind, entsteht der fatale Trugschluss:

Wenn Mutter oder Vater das über mich sagen, Gewalt anwenden und mich nicht wie ihr geliebtes Kind behandeln, dann muss mit mir etwas nicht stimmen.

Mit dieser Deutung ist die Welt etwas besser auszuhalten. Ändern kann das Kind die Eltern ohnehin nicht.

Also bleibt nur, sich selbst so weit an das destruktive Lebensmodell anzupassen, dass die Welt im Außen irgendwie stimmt. Sie wird so umgedeutet, dass sie zu stimmen scheint:

Mama und Papa sind gut. Ich bin schlecht.

Ab hier werden dann auch die Gewaltanwendungen und die Demütigungen erklärbar.

„Wir haben unseren Eltern für jede Ohrfeige gedankt“ – so lautete ein häufig verwendeter Spruch gegenüber Kindern noch in den 1960er und 1970er Jahren,

Die Schlussfolgerung des Kindes: Meine Eltern haben sich für Ohrfeigen bedankt. Also müssen das Geschenke sein, Zuwendungen, die ein Kind braucht.

Ab hier beginnt ein krudes, ein schreckliches Lebensmodell zur Wirklichkeit zu werden.

Dieses Lebensmodell gräbt sich tief in die emotionalen und neuronalen Netzwerke ein.

Es findet von nun an Bestätigung Tag und Nacht.

Die tragischen Irrtümer über sich selbst:

Man wäre nichts wert.

Man hätte es nicht anders verdient.

Man müsse sich Zuneigung durch massive Bemühungen erst verdienen, hart erarbeiten.

Man wäre kein guter Heimatort für Wohlergehen, Liebe, Gesundheit, Geld.

Man wäre vielleicht besser gar nicht da.

Vor diesem Hintergrund erscheint die vermeintliche Angst vor Glück in einem anderen Licht.

 

 

 

 

 

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